Als ich bei Sonnenuntergang den Äquator im Flugzeug überquerte, war ich voller Vorfreude auf Peru. Schon der Klang des Namens hatte etwas Abenteuerliches.
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| Äquatorüberquerung |
Nach den ersten Tagen hier hat sich über die vorgestellte Romantik jedoch ein leichter grauer Schleier der Ernüchterung gelegt. Genauso grau empfing mich bereits Lima. Die Stadt, am kalten Humboldstrom gelegen, liegt viele Monate unter Nebel. Als ich am nächsten Morgen mein Hotel verließ und Richtung Zentrum lief, tauchte ich ein in eine depressive Stimmung. Unendlicher Verkehr mit Dauerhupen mahnte mich bei jeder Straßenüberquerung zu äußerster Vorsicht. Leichter Nieselregen durchfeuchtete meine Socken, ich war auch der einzige, der mit Sandalen herum lief.
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| Der erzbischöfliche Palast in Lima |
Das Stadtzentrum, das mehrfach im Verlauf der Geschichte unter Erdbebenereignissen gelitten hatte, war jedoch schmuck hergerichtet und trug aus meiner Sicht mit ausgezeichnet erhaltenen Bauten aus der Kolonialzeit zurecht den Weltkulturerbe-Titel. Militär war überall präsent, was die Stimmung nicht unbedingt weiter aufheiterte.
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Viele Kirchen prägen das Bild mit vielen hingebungsvoll Betenden
und mit sogar sehr modernen Heiligen |
Zentrumsnah unter dem "Hausberg" Limas sah ich ein von weitem schön bunt anzusehendes Favela, was mich in seinen Bann zog. Mit aller gebotenen Vorsicht näherte ich mich dem Stadtteil an und ging zumindest in die Randbezirke hinein. Was ich dort sah, war sehr erschütternd.
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| Von Weitem noch ganz hübsch.... |
Die Häuser waren in einem elendiglichem Zustand. Eine Abwasserversorgung schien es nicht zu geben. Der beißende Geruch von Fäkalien stand in der Luft. Und trotzdem kamen mir meist ordentlich gekleidete Menschen entgegen. Den Fotoapparat holte ich natürlich nur hervor, wenn in einer Gasse keine Menschen zu sehen waren. Trotzdem wurde ich mehrfach von freundlichen Frauen aufgefordert, das Viertel besser zu verlassen, was ich dann auch, sehr nachdenklich geworden, tat.
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| ...von Nahem erschreckend. |
Tags darauf setzte sich das gesehene Elend zunächst fort. Mit großem Aufgebot, wie Blaskapelle und Folkloretänzer wurde der Zug hoch in die Anden am Bahnhof verabschiedet. Doch eine geschlagene Stunde fuhren wir bei gleichem trüben Wetter durch die nicht aufzuhören scheinenden armseligen Randsiedlungen Limas. Und überall liefen Menschen wie ich selbst zur Arbeit, gingen Kinder auf nicht Strassen zu nennenden Dreckpisten zur Schule, alles war eingehüllt in stinkende Luft und übersät mit hingeworfenem und nicht abgeholten Müll. Warum ist das so? Warum geht es mir so gut und warum müssen diese Menschen unter solchen Bedingungen leben?
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| Sie erzählte viel über Peru, leider fällt mir ihr Name nicht mehr ein |
Einige Antworten bekam ich von einer mitreisenden Peruanerin, deren Eltern selbst dem verlockenden Ruf Limas vor vielen Jahren gefolgt waren. Dort soll es Arbeit geben, dort kommt man mit Fleiß zu einem besseren Leben, dort kann man am Wohlstand teilhaben, so scheinen viele zu denken und riskieren es, ihre angestammte Heimat zu verlassen. Ihre eigenen Eltern hatten in erster Linie das Wohl ihrer Kinder im Blick und wollten von den deutlich besseren Bildungschancen Limas profitieren. Sie hatten damit recht, sie selbst war Juristin geworden, ihr Bruder hatte einen Job in der Medienbranche. Ihre Cousins und Cousinen zu Hause am Titicacasee lebten dagegen ihr armes Leben weiter, erzählte sie. Sie würde nie wieder in das alte Leben zurück wollen. Nur scheinen die wenigsten Neuankömmlinge das bessere Leben in Lima zu erreichen.
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| Wir schleppen uns nach oben. |
Die Fahrt nach Huancayo auf der zweithöchsten Eisenbahnstrecke der Welt, wurde dann aber grandios. Von Null auf 4782 m schleppte uns eine Lok durch 69 Tunnel in die Berge. Mehrere Leute mussten mit Sauerstoff versorgt werden, was eine mitreisende Krankenschwester übernahm. Bei etwa 3800 Höhenmeter platzte mit Knall und Feuer der Motor der Diesellok. Das brachte uns 4 Stunden Verspätung ein, bis eine neue Lok herangekarrt worden war.
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| Dann sind wir auf fast 4800 m.... |
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| ...und fahren... |
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| ....durch diese herrliche Bergwelt. |
Dann ging die überwältigende Fahrt weiter. Gegen Abend verschwand der letzte Dunst und die Sonne hüllte die Anden in ein tiefrotes Licht. Auf diese Blicke hatte mich seit Monaten gefreut und ich wurde nicht enttäuscht.
So gewöhnungsbedürftig die Rahmenbedingungen auch sind, die Menschen hier im Gebirge sind ausgesprochen zuvorkommend. Man hört mir zu, wenn ich in langsamer Aneinanderreihung von spanischen Vokabeln einen Satz versuche zu bilden, auch wenn es manchmal eine Minute dauert. Gäbe es das bei mir zu Hause? Würden zwei deutsche Polizistinnen einen Ausländer eine Stunde lang begleiten, um ein Hotel für ihn zu finden? Mir ist das hier passiert.
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Hier blicken sie dienstlich streng,
sie konnten aber sehr charmant lächeln. |
Gegen Abend ist der Hauptplatz mit Leuten angefüllt, die auf Bänken sitzen und sich einfach unterhalten. Und die Märkte sind ein echtes Erlebnis.
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| Am Wochenende auf dem Marktplatz... |
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| ...sind irgendwie alle unterwegs... |
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| ...und es gibt immer etwas zu entdecken. |
In die Berge hinein zu wandern, stellt sich aber als echtes Problem heraus. Es gibt keine Wege. Man ist auf Wanderer nicht eingerichtet. 7 Stunden habe ich es gestern versucht. Dabei musste ich auch in dieser Stadt erstmal die Vororte durchlaufen und hatte Nasenbluten vom vielen eingeatmeten Dreck. Wir streiten uns zu Hause über die Feinstaubgrenzwerte, ein Peruaner hier in Huancayo atmet an einem Tag wohl soviel ein, wie wir im ganzen Jahr.
Bis auf die Gipfel schaffte ich es nicht. Aber einer Frau beim Holztransport konnte ich eine Weile helfen. Sie kam im Gespräch nicht darüber hinweg, dass ich ein Jahr nicht arbeiten würde. Was hätten meine Kinder denn dann zu essen? Was sagt man da? Dass ich stinkreich bin und mir das leisten kann? Ich wußte nichts zu sagen und habe nur irgendetwas rumgestammelt...
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Jose, eine Bäuerin, die für den Lebensunterhalt
ihrer Familie körperlich hart arbeiten muss. |
Und: als Fußgänger lebt man hier äußerst gefährlich. Eine grüne Ampel bedeutet nichts. Du hast gefälligst deinen A.... zu retten, wenn ein Auto kommt. Daran muss ich mich noch gewöhnen. Dafür bin ich aber noch ein paar Wochen hier. Es grüßt für heute aus den Anden ein sehr nachdenklicher HW....
Also der Einzige mit Sandalen bei Regen bist du sicher nicht �� ...
AntwortenLöschenGruß, Jörg
Ja, aber du warst eben gerade nicht in Lima.... Gruß zurück HW
LöschenEs ist immer wieder schön deine neuen Blogeinträge zu lesen! Interessant auch die Geschichten einiger Einheimischen zu erfahren. Die Portraits der Leute auf dem Marktplatz sind dir wirklich gut gelungen!!
AntwortenLöschenRobi und ich freuen uns schon auf den nächsten Eintrag, ganz liebe Grüße!
Danke, liebe Joanna, beim nächsten Post kommen noch paar schöne Portraits, ich hatte noch paar gute Begegnungen.... Gruß an Dich und Robi, haltet gut durch beim Salat pflücken...
LöschenLieber Hans, ich erlebe es wie Du, die Armut,Vemüllung und Vergiftung in den Städten, dort wo die meisten Menschen überleben, ist dort eben auch am größten. Es ist nicht Lima-Peru spezifisch, ich finde es hier in San José, wo ich gerade bin wie Du beschreibst. Aber auch in Deutschland habe ich einen Wandel in diese Richtung, in den letzten Jahren gefühlt. Andererseits erfahre auch ich immer wieder in den Gesichtern der "einfachen" ländlichen Menschen, Stimmigkeit, Zufriedenheit und freundliche, offene, ehrliche, einladende Begegnung. Davon wünnsche ich Dir und bald Euch VIEL. Liebe Grüße von Birgit und MIR ;-) ... Christoph auf dem Sprung zurück ....
AntwortenLöschenDanke für den Gruß, lieber Chris, ich merke, dass wir immer wieder ahnliche Erfahrungen machen. Ich drücke fest die Daumen, dass sich demnächst alles in deinem Sinne entwickelt. Halt mich mal auf dem Laufenden. Deine letzten Bilder von CR waren nochmal großartig.... Guten Einstieg in D. Lieben Gruß zurück, auch an Birgit... HW
LöschenWollte Dir als erster antworten, aber die Technik klemmt. Borussensieg traumhaft! !!LG friedmar
LöschenHab die letzten Minuten im Radio gehört, endlich läuft es wieder, wer hätte das gedacht......Gruß zurück HW
Löschendonnerwetter, du bist ja ganz ein harter hund. hürzt ohne james-bond-fähigkeiten durch favelas und fährt mit explodierenden dieselloks durch die berge..... und wenn ich so erinnere, wie man schon auf 3000m nach luft schnappt, dann frage ich mich, wie du das auf 4800 wochenlang aushalten willst. viel kraft und noch viele gute eindrücke und begegnungen! und danke fürs mitnehmen!
AntwortenLöschenDie 4800 m waren ja nur der Pass. Die erste Übernachtung war auf 3300 m. Aber man gewöhnt sich recht schnell dran. Und gegen Kopfschmerz kaue ich auf Wanderungen ab und an, wie die Einheimischen hier, ein Kokablatt. Hilft wirklich. Wär vielleicht auch was für Frau Meier, wenn der Rücken wieder weh tut ;-)
AntwortenLöschenach nee.das hat der orthopäde in 6min korrekt diagnostiziert und gerichtet. nach 3monaten wartezeit freilich.
LöschenDieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
LöschenIch wusste dass Du dich hemmungslos in rauschzustaende kaust,Herr Dr faust LG mephisto fried
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